Herz, Kopf, Feder

Gedanken und Schreibereien

Mein Prinz

Einst wollte ich einen Prinzen auf einem weißen Pferd. Der Prinz kam, verbrauchte mein ganzes Haargel und starrte stundenlang selbstverliebt in den Spiegel. Wenn er sich mir einmal widmete, bekam ich Kopfschmerzen von seinem schwülstigen Gequatsche. Inzwischen bin ich klüger. Den Prinzen hab ich an RTL geschickt, die sind ganz begeistert, einen neuen Bachelor gefunden zu haben. Geheiratet habe ich dann einen Metzger. Der steht gerade übrigens am Grill. Hat jemand Lust auf ein Pferdesteak?

Einzigartigkeit

So wie Du bist, bist Du einmalig.

Das willst Du der Welt zeigen,

zumindest der kleinen im sozialen Netz,

durch das Du Dich Tag für Tag bewegst.

Du willst ein Zeichen

für Deine Individualität

und tust es mit einem Sinnspruch

den vor Dir schon tausende teilten.

Neue Wege

Nicht immer ist es gut,

ausgetretene Pfade zu verlassen,

manchmal läuft man dabei

in ein Brennnesselfeld.

Liebeserklärung

Ich liebe Dich so sehr wie das Summen der Bienen,
das sanfte Wiegen der Birkenzweige im Wind,
die Erdbeeren mit ihrem verführerischen Rot,
das weiche Fell süßer Babykätzchen,
und ich wünsche mir nichts mehr,
habe keine größere Hoffnung,
als dass Du niemals meinen Allergiepass findest.

Autobiografie

Zehn Jahre hatte seine Familie darauf gewartet, ihn endlich in ihrem Haus begrüßen zu können. Nun gut, in ihrer Garage. Sie mochten seine runde Form, seine sanfte, blaue Farbe und das Rattern seines Motors. Ja, man konnte sagen, sie liebten ihn beinahe. Doch dann kam die Wende, und sie ersetzten ihn durch einen Volkswagen, dessen Blau kräftiger war und dessen Motor leise schnurrte. Die Öllache, die unter ihm zurückblieb, hielten sie für einen Defekt, dabei hatte er geweint. Für eine kurze Zeit fand er ein neues Heim bei einem ostalgischen Liebhaber, der ihn hegte, pflegte und reparierte, bis er das Interesse verlor und ihn für eine blonde Westbraut verließ. Das Leben des Trabant endete einsam in einer Schrottpresse.

Wortverschwender

Du denkst nicht, aber du sprichst. Laut, energisch. Sagst anderen, was sie falsch machen, ohne zu wissen, was richtig ist. Ohne zu überlegen. Ohne zu hinterfragen. Du glaubst, Du weißt Bescheid, denn Du hast irgendetwas irgendwann irgendwo gehört. Darauf gründest Du Deine Meinung. Beanspruchst universale Geltung. Glaubst, Du seist klüger als jene, die Wissen aus mehr als nur einer Quelle beziehen.

Deine Ratschläge verteilst Du gerne. Vorzugsweise an jene, die sich nicht dafür interessieren, weil sie erkennen, wie erbärmlich Du bist. Dass Dein Leben so fad ist, dass Du Dich in das anderer einmischen musst, um der Leere zu entkommen. Weil Du sie nicht ertragen kannst. Weil Du Dich sonst mit sinnvollen Dingen beschäftigen müsstest, was schwierig wird, wenn man keine kennt.

Du weißt, wie die Welt zu funktionieren hat. Wie ein Garten aussehen muss, ein Haus, eine Beziehung, ein Leben. Du erwartest, dass alle sich dem unterordnen, damit Deine kleine, armselige Welt stimmig ist, harmonisch und durch keinen falschen Ton gestört.

Deshalb erträgst Du mich nicht. Weil ich ein Missklang bin, mir von Dir nichts sagen lasse, mein Leben nicht in Dein Schema presse. Du beschwerst Dich bei anderen, die genauso verbohrt und kleingeistig sind wie Du. Und genauso unzufrieden.

Womöglich ist es das, was Dich stört: Dass ich nicht in deinen Rahmen passe und es mir dennoch besser geht als Dir. In Deinem Gesicht habe ich noch nie ein Lächeln gesehen. Vielleicht, weil Du Dich nicht für authentische Menschen, sondern nur für funktionierende Stereotype interessiert und Dich zu sehr an Dein Idealbild klammerst. Würdest Du es aufgeben, könntest Du erkennen, wie unwichtig die Nichtigkeiten sind, an die Du Deine Worte und Gedanken vergeudest. Doch diese Erkenntnis bleibt Dir verschlossen.

Du tust mir leid.

Liebesforschung

Der Bildschirm flackert. Die Überwachungsleitung zum Planeten Erde ist wieder instabil. Das liegt am zu geringen Forschungsbudget. Vielleicht hätte ich etwas Handfestes studieren sollen wie Literatur oder Philosophie, anstatt mich der Erkundung fremder Spezies zu widmen. Doch genug gejammert, ich habe zu tun!

Für eine Studienreise fehlt es an Geld, daher bleibt mir nur, am Computer durch die Welt der Menschen zu streifen. Übrigens tun viele Erdlinge etwas Ähnliches, zu meinem Erstaunen jedoch zum Vergnügen und ohne wissenschaftliches Interesse. Und das ist nicht deren einzige Eigenart. Wie eine unzivilisierte Ansammlung von Mängelwesen es geschafft hat, Jahrtausende zu überleben, ist mir ein Rätsel, doch ich hoffe, es eines Tages zu lösen. Vielleicht leistet mein aktuelles Projekt einen kleinen Beitrag. Ich erforsche die Bedeutung der Worte „Ich liebe dich“, denn meine Recherchen haben ergeben, dass sie den Menschen alles bedeuten.

Die Suchfunktion des Erdüberwachungsprogramms hakt. Daher dauert es Stunden, bis ich einen Erdling beim Aussprechen der magischen Kombination erwische. Ich stelle seinen Kanal auf Dauerüberwachung und ermittle weitere Versuchspersonen.

In den ersten Tagen kann ich mit den Aufnahmen wenig anfangen, mit der Zeit wird die Datenauswertung aussagekräftiger. Meine ersten beiden Objekte scheinen einander bei ihrer Entdeckung das erste Mal „Ich liebe dich“ gesagt zu haben – ein Glücksfall. Anfangs werfen sie der Toilettentür schmachtende Blicke zu, als sei es schrecklich, drei Minuten ohne den anderen zu verbringen. Ein paar Wochen später gibt es Erleichterungsseufzer, wenn sie die Haustür von außen schließt und Augenrollen, wenn er an der ihren klingelt. Dennoch treffen sie sich, seltener als anfangs, doch regelmäßig. Warum quälen sie einander mit ihrer Anwesenheit, obwohl sie ihnen aufs Gemüt schlägt? „Ich bekomme doch sonst keinen mehr ab“, sagt sie, als eine Freundin ihr diese Frage stellt. Sie ist lieber mit ihm unglücklich als allein. Ein Einzelfall oder ein Fehler in der menschlichen Genetik?

Ich wechsle den Kanal und sehe einen Streit, wie er auf diesem Sender fast täglich läuft. „Ich liebe dich“, sagt sie. „Und wenn du mich auch liebst …“ Es lohnt nicht, weiter zuzuhören. Dieser Satz endet immer ähnlich. Er soll sich nicht mit seiner besten Freundin treffen, die er schon aus dem Sandkasten kennt, nicht mit seinen Freunden um die Häuser ziehen, weil er dabei anderen Mädels nachschauen könnte, nicht ins Fitnessstudio, wo andere seine Muskeln bewundern, überhaupt nirgendwo hin, außer zu ihr. Sie sperrt ihn ein und er lässt sie gewähren.

Lustlos zappe ich zwischen den Kameras hin und her, sehe Paare, die sich gegenseitig darin überbieten, die Schwachstellen des anderen zu nutzen und Menschen, die andere zu verbiegen suchen, bis sie ihrem Traum entsprechen oder sie fallen lassen, wenn sie feststellen, wie real sie sind. Ich nutze die Suchfunktion, um schönere Bilder zu finden, welche aus der Zeit, in dem der Hormonrausch beide zu Lügnern macht, die ihre schlechten Seiten verbergen. Doch sie muntern mich nicht auf, denn ich kann mir denken, was daraus werden wird.

Ermattet schalte ich den Bildschirm aus. Ich habe zu viel Zeit mit den Menschen verbracht, ich mag sie nicht leiden. Doch wenigstens bin ich zu einem Ergebnis gekommen.

Ich weiß jetzt, was „Ich liebe dich“ bedeutet:

Es ist eine Kriegserklärung.

Optimierung

Optimiere Dich! Du brauchst noch diese Superfrucht und jene Körperübung, um schön zu sein und begehrenswert. Bald bist Du bereit für den nächsten Schritt. Ein Buch verrät Dir, wie Du die richtigen Signale aussendest und Dir einen Mann angelst oder eine Frau oder beides, je nachdem, wonach Dir ist; eine Zeitschrift erklärt Dir, wie die Nacht prickelnd wird und aufregend.

Ratgeber lauern an jeder Ecke, flüstern Dir ein, was Du alles werden kannst und wie viel besser Du doch sein könntest, erfolgreicher, klüger, liebenswerter, trainierter, eloquenter, beliebter. Nur ein paar tausend Seiten bedrucktes Papier trennen Dich von der Perfektion, Du musst nur den Weg befolgen, den sie Dir vorgeben, Schritt für Schritt, über Stolpersteine klettern, Fallstricke entknoten, Hürden überspringen. Vertraue ihnen, sie wissen, wie es geht, wissen, wie Du genauso werden kannst, wie Du sein sollst.

Also machst Du Dich auf den Weg, verrenkst Dich, kaufst Dir neue Kleidung, einen neuen Duft, neue Möbel und ein neues Image. Du machst alles, was sie von Dir wollen, zeigst eisernde Disziplin und Durchhaltevermögen.

Dann schlägst du das letzte Buch zu. Du schaust in den Spiegel, betrachtest das Bild, rückst die Brille zurecht – Spiegelglas nur, doch Du hast gelesen, dadurch würdest Du intelligenter wirken. Du bist den Weg gegangen, vom Anfang bis zum Ende, ohne Kurven, geradeaus, wie vorgesehen. Irgendwo unterwegs bist Du stehen geblieben, weil Du nicht mehr Schritt halten konntest. Nun siehst Du einen Menschen, attraktiver, stilvoller, angepasster als zuvor, ein Abziehbild des Ideals, das die Gesellschaft propagiert.

Nur Dich selbst siehst Du nicht mehr.

Brandstifter

Wenn es kalt ist,

verweigert ihr den Platz am Lagerfeuer,

weil ihr die Wärme

nicht mit anderen teilen wollt.

 

Beginnt die Welt zu glühen,

schleppt ihr Holz heran,

weil ihr es kaum erwarten könnt,

dass sie in Flammen aufgeht.

 

Am Ende sitzt ihr vor der kalten Asche,

nickt einander zu

und sagt selbstzufrieden:

„Wir haben schon immer gewusst,

dass Feuer gefährlich ist.“

Wunschlos unglücklich

Der Countdown läuft, es bleibt nur noch wenig Zeit bis zum Fest der Geschenke, das einst das der Liebe war.

Der Austausch von Konsumgütern scheint Pflicht. Jene, die nichts brauchen, zerbrechen sich den Kopf, was sie dennoch wollen könnten.

Sollten Wünsche nicht im Herzen wachsen und dort darauf warten, gefunden zu werden?

Stattdessen suchen Menschen in Katalogen und Suchmaschinen. Sie fragen andere, was sie sich wünschen sollen.

Kein Wunder, dass die Erfüllung eines Wunsches nicht mehr glücklich macht.

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